Von Mark — Persönliche Beobachtungen
Kleine Momente aus dem Alltag unserer Arbeit — die mich innehalten ließen. Kein Hochglanz. Nur das, was ich wirklich erlebt habe.
Bei einer Verteilung erzählte mir ein Mann, dass er erst seit neun Monaten auf der Straße lebt.
„Das hätte ich mir nie vorstellen können", sagte er.
Ich fragte ihn:
„Was war das Schwerste?"
Er musste nicht überlegen.
„Die erste Nacht."
Nicht die Kälte.
Nicht der Hunger.
Nicht die Unsicherheit.
Sondern der Moment, in dem ihm klar wurde, dass es keinen Ort mehr gab, den er Zuhause nennen konnte.
Dieser Satz begleitet mich bis heute.
— Mark Suer
Diese Geschichte ist während unserer Arbeit in Hamburg entstanden.
An einem unserer ersten Tage im Waisenhaus in Buhoma hatten wir Wasserflaschen für uns gekauft.
Die Kinder begrüßten uns mit einem traditionellen Tanz.
Es war heiß.
Staubig.
Und unglaublich anstrengend.
Irgendwann fiel mir auf, dass keines der Kinder etwas trank.
Ich fragte Nicholas:
„Warum trinkt denn keiner?"
Er antwortete:
„In der Trockenzeit bekommt jedes Kind nur zweimal am Tag einen Becher Regenwasser. Einmal morgens gegen zehn Uhr und einmal nachmittags gegen vier. Die nächste Wasserquelle ist über einen Kilometer entfernt."
Ich schaute auf meine Wasserflasche.
Und plötzlich hatte ich keinen Durst mehr.
— Mark Suer
Diese Geschichte ist während unserer Arbeit in Uganda entstanden.
Bei unserer letzten Verteilung kam eine junge Frau zu uns.
Sie wirkte vielleicht 19 oder 20 Jahre alt.
Ich hatte sie vorher noch nie gesehen.
Während ich ihr etwas zu essen gab, fragte ich vorsichtig:
„Lebst du auch auf der Straße?"
Sie nickte.
„Ja."
Ich fragte weiter:
„Schon lange?"
Sie antwortete ganz selbstverständlich:
„Seit ich 14 bin."
Mir blieb für einen Moment die Luft weg.
Vierzehn.
In diesem Alter sollten die größten Sorgen Schule, Freunde oder die erste Liebe sein.
Nicht die Frage, wo man heute Nacht schläft.
— Mark Suer
Diese Geschichte ist während unserer Arbeit in Hamburg entstanden.
In unserer Kleiderkammer werden nicht nur Sachen für Menschen in Not gesammelt. Ein Teil der Spenden geht auch in die Ukraine.
Dann erzählte mir jemand, was mit den alten Kerzenresten passiert.
Freiwillige sammeln die Wachsreste, schmelzen sie ein und gießen daraus neue Kerzen. Diese werden an Soldaten im Schützengraben geschickt – als Licht- und Wärmequelle.
Ich stand einen Moment sprachlos da.
Manchmal beginnt Hilfe mit etwas, das andere längst weggeworfen hätten.
— Mark Suer
Diese Geschichte ist während unserer Arbeit in Hamburg entstanden.
Auf einem unserer Fußwege durch Buhoma saß ein kleiner Junge auf einem Haufen Steine direkt an der Hauptstraße.
Er war vielleicht sieben oder acht Jahre alt.
Ich ging zu ihm und fragte:
„Warum bist du nicht in der Schule?"
Er antwortete nicht.
Er lächelte mich einfach an.
Nicholas, der neben mir stand, sagte leise:
„Er arbeitet hier. Er muss Geld für seine Familie verdienen."
Ich schaute den Jungen noch einmal an.
In Deutschland wäre er wahrscheinlich gerade in der zweiten Klasse gewesen.
Hier saß er auf einem Steinberg.
Und arbeitete.
— Mark Suer
Diese Geschichte ist während unserer Arbeit in Uganda entstanden.
Nachdem Sylvia, die Gründerin der Hamburger Obdachlosenhilfe Zwischenstopp, unseren Uganda-Film gesehen hatte, schrieb sie mir etwas, das ich nicht vergessen kann.
Sie schrieb:
„Die Armut ist in Uganda einfach anders. Die Menschen dort sind trotzdem fröhlich, dankbar und auf ihre Art glücklich und haben noch ein Ziel, besonders die Kinder.
Hier ist nur Dreck, Krankheit und viel Hoffnungslosigkeit und fehlende Teilhabe am Leben. Hunger gibt es auf beiden Seiten, aber dort ist das Herz noch rein und voller Hoffnung. Hier werden die Menschen von ihren dunklen Geistern begleitet und sterben irgendwann im Dreck."
Ich antwortete nur:
„Wie traurig formuliert."
Sie schrieb zurück:
„Ja, leider ist es das. Deswegen bin ich auch über jeden dankbar, der weg von der Straße kommt."
Dieser Austausch hat mich lange beschäftigt.
— Mark Suer
Diese Geschichte ist während unserer Arbeit in Hamburg entstanden.
Dienstags nehme ich in unserer Kleiderkammer Kleiderspenden entgegen.
Ein älterer Mann kam mit mehreren Säcken voller Kleidung.
Als ich sie öffnete, war ich überrascht. Vieles war stark getragen und eigentlich nicht mehr in einem Zustand, den wir weitergeben würden.
Ich wollte die Spende schon ablehnen.
Zum Glück fragte ich vorher: „Haben Sie zu Hause ausgemistet?"
Er schaute mich an und sagte leise:
„Nein. Die Sachen sind von meiner Tochter."
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:
„Kein Vater sollte seine Tochter überleben."
In diesem Moment waren die Kleidersäcke plötzlich völlig nebensächlich.
— Mark Suer
Diese Geschichte ist während unserer Arbeit in Hamburg entstanden.
Bei einer unserer ersten Samstagsausgaben hatten wir richtig gute Brötchen von einer Bäckerei bekommen.
Mehrmals hörte ich: „Hast du auch ein weißes Brötchen?"
Ich dachte erst, das sei einfach Geschmackssache.
Als der Dritte fragte, wollte ich wissen, warum.
Er zeigte auf seinen Mund und sagte ganz ruhig:
„Kaum noch Zähne."
Seit diesem Tag kaufen wir bewusst auch weiche, helle Brötchen.
Manchmal entscheidet nicht der Geschmack – sondern ob man überhaupt noch kauen kann.
— Mark Suer
Diese Geschichte ist während unserer Arbeit in Hamburg entstanden.
Ein Obdachloser kam zu uns und fragte nach einem neuen Schlafsack. Ich fragte vorsichtig, warum er schon wieder einen braucht.
Er antwortete ganz ruhig:
„Was soll ich machen, wenn er nass wird? Ich habe nichts, um ihn zu trocknen."
Kein Vorwurf. Kein Jammern. Nur ein Satz.
Mir wurde in diesem Moment klar, dass ein nasser Schlafsack für ihn kein Missgeschick ist. Er bedeutet eine kalte Nacht. Vielleicht mehrere.
Seitdem denke ich jedes Mal daran, wenn wir Schlafsäcke ausgeben.
— Mark Suer
Diese Geschichte ist während unserer Arbeit in Hamburg entstanden.
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