Ich war noch zwei, drei Meter entfernt, als ich sie bemerkte. Nicht weil sie laut war. Weil man sie roch.
Wir sprachen kurz. Sie bekam etwas zu essen, einen Kaffee. Das Gespräch war normal — also so normal, wie Gespräche an einem Mittwochabend am Hamburger Hauptbahnhof eben sind.
Dann sagte ich, gut gemeint, direkt: Du weißt, dass es den Duschbus gibt? Das macht das Betteln vielleicht einfacher.
Sie schaute mich an.
„Und wer schützt mich dann nachts vor Übergriffen?"
Da stockte mir der Atem.
Sie stinkt nicht, weil sie keine Wahl hat. Sie stinkt, weil sie eine Wahl getroffen hat. Bewusst. Strategisch. Als Schutz. Der Geruch hält Männer auf Abstand, die ihr nachts etwas antun würden, wenn sie gepflegt, unauffällig, unsichtbar wäre.
Ich hatte sie in dem Moment als jemanden gesehen, der ein Problem hat. Sie hatte sich selbst eine Lösung gebaut. Und ich wollte ihr die wegnehmen.
Das macht mich seit diesem Abend nicht los. Nicht weil ich etwas falsch gemacht habe — ich glaube, das haben wir alle schon getan. Sondern weil dieser eine Satz mehr über das Leben obdachloser Frauen erzählt als jede Statistik, die ich je gelesen habe.

Obdachlosigkeit unter Frauen ist in Deutschland stark untererfasst. Viele schlafen verdeckt, bei wechselnden Bekanntschaften, in Autos — weil die Straße für Frauen nicht nur Entbehrung bedeutet, sondern physische Gefahr. Das ist kein Randthema. Das ist Alltag.
Hope on the road · Hamburg
Jeden Mittwoch. Ohne Ausrede.
Wir sind regelmäßig auf Hamburgs Straßen — mit Essen, Kaffee und dem Willen, wirklich zuzuhören. Nicht als Helfer, die wissen was jemand braucht. Als Menschen, die fragen.
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